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Skandalitis: Pro & Contra ist out – Shitstorm & Boykott in

Das Internet gilt heutzutage als Mitmach-Web (Web 2.0) und soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter leben davon, ihren Kunden das Gefühl zu vermitteln, jeder noch so kleine Gedanke sei teilenswert. Nicht umsonst fragt Facebook neuerdings seine User Dinge wie „Was machst du gerade?“ oder „Wie geht es dir?“. Das provoziert dann so manchen geistigen Durchfall, von peinlichen Fotos ganz zu schweigen. Doch mit Belanglosigkeiten allein ist es immer seltener getan. Auch Meinung, Gerüchte und vor allem Empörung wird unbedarft geäußert, frei nach dem Motto: das wird man ja wohl noch mal sagen dürfen.

Auf den Skandal folgt der blinde Aktionismus

Das Mitteilungsbedürfnis mancher Menschen wäre mir kaum einen Kommentar wert, würde ich nicht in regelmäßigen Abständen in meinem Newsstream, diversen Gruppen und sogar privaten Nachrichten von solchen Facebook-Kampagnen heimgesucht werden. Mal soll ich ausgesetzte Hunde retten, mal die Welt mit einer Spende verbessern, mal meine Macht als Verbraucher ausspielen und ein Unternehmen, eine berühmte Persönlichkeit oder bestimmte Produkte boykottieren.

Jüngstes Beispiel ist das Unternehmen Amazon, das seit einer ARD-Dokumentation über die Arbeitsbedingungen von Leiharbeitern, der Buhmann für alles ist. Niedriger Lohn, schlechte Unterbringung, Überwachung am Arbeitsplatz, Steuerflucht ins Ausland … alles ein Skandal. Ja, ein Skandal, denn mit diesem Wort wird neuerdings alles betitelt, was negativ auffällt und aus der Reihe tanzt. Die Welt ist entweder schwarz oder weiß, für Differenzierung bleibt keine Zeit.

Haste mal nen Skandal für mich?

Gerade bei Facebook zeigt sich: wer am lautesten schreit, wird gehört. Pro & Contra ist out, Shitstorm und Boykott in. Je einfacher die These (Hier die Guten – dort die Bösen), desto schneller die Verbreitung. Und will man als Außenstehender solche heiß laufenden „Diskussionen“ mit sachlichen Zwischentönen anreichern, läuft man Gefahr, selber zur Zielscheibe zu werden. Schnell ist man dann ein Verbündeter des Bösewichts, wird von diesem bezahlt oder ist schlicht zu dumm, die Tragweite des Skandals zu begreifen.

Im Fall von Amazon werden solche „Argumente“ nicht selten von Menschen vorgetragen, die Minuten später stolz ihr bei Foxconn produziertes Smartphone präsentieren, sich für 15 Euro die Haare schneiden lassen und für knapp das Doppelte eine Jeans kaufen. Es ist eben immer eine Frage des Blickwinkels.

Amazons Kindle boykottieren und Tolino kaufen

Vor wenigen Tagen erreichte mich via Facebook eine Anfrage von einem Blog-Leser, ob ich mich mit meiner Webseite an einem Kindle Boykott beteiligen würde. Jetzt wo es mit dem Tolino eReader eine gute Alternative zu Amazons Kindle gäbe (ich selber habe dies schließlich erwähnt), sei dies doch ein starkes Zeichen zur richtigen Zeit. Auf meinen Einwand, dass ich von blindem Aktionismus wenig halte und derzeit dabei sei, mich mit dem Tolino und dem dahinter stehenden Firmenkonsortium zu befassen und der Meinungsbildungsprozess bei mir noch nicht abgeschlossen sei, erhielt ich dann eine weniger freundliche Antwort.

Besagter Blog-Leser wird nun meine Webseite boykottieren und ich von seinen Nachrichten verschont bleiben. Am Ende haben wir also beide gewonnen und die Geschichte ihr wohl verdientes Happy End.

PS: Während ich diesen Beitrag geschrieben habe, lief auf der Straßenseite gegenüber ein Mann vorbei, blieb am Grundstück der Nachbarn stehen und pinkelte gegen die Hecke. Ich werde in Kürze ausführlich über diesen Skandal auf Facebook berichten. Titel: Pinkel-Skandal in NRW. Dazu gibts dann 24-Stunden-Live-Ticker, Zeugen-Befragung mit fassungslosen Anwohnern und HD-Aufnahmen aus der Sicht der Hecke – das volle Programm eben. 😉