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Selfpublisher und Bestseller-Listen: Über Verkaufszahlen und ihre Deutung

2012 wird vielleicht als das Jahr in die deutsche Literatur-Geschichte eingehen, in dem sich Ebook und E-Reader hierzulande auf dem Markt durchsetzten. Lese- und Kaufverhalten haben sich insbesondere bei großen Teilen der Amazon-Kundschaft rasend schnell verändert und aus dem Ladenhüter eBook ist in mancher Literatursparte ein Bestseller geworden. Kein Wunder also, dass nun auch die „Profis“ diesen Markt für sich entdecken und ihren Teil vom Kuchen einfordern. Doch wieso man aus dieser logischen Entwicklung mancherorts gleich die Selbstverleger in der Bedeutungslosigkeit verschwinden sieht, erschließt sich mir nicht.

Selbstverleger und ihre Bestseller

Ganz gleich ob in der Literatur oder einer anderen Branche, wenn Märkte neu entstehen und plötzlich boomen, profitieren zunächst diejenigen, die sich auf dem neuen Markt positionierten, als dessen positive Entwicklung so noch nicht vorherzusehen war. Das war bei der New Economy so, beim Smarthpone, den sozialen Netzwerken und etlichen anderen Neuerungen der letzten Jahre und Jahrzehnte. Das Risiko der Pioniere wird belohnt, oder um es anders auszudrücken: der frühe Vogel fängt den Wurm.

Verglichen mit anderen Möglichkeiten der Veröffentlichung (z.B. BOD & POD), ist dass Kindle Direct Publishing von Amazon noch relativ neu. Der Ebook-Markt spielte 2011 bei den Buchumsätzen der Branche eine relativ untergeordnete Rolle und wurde von den meisten etablierten Schriftstellern als Beifang mitgenommen. Kein Wunder also, dass im Boomjahr 2012, als das Ebook durch stark steigende E-Reader-Verkaufszahlen salonfähig wurde, zunächst die Selbstverleger in den Bestseller-Charts die Nase vorne hatten.

Im ersten Halbjahr dominierten die Selbstverleger die Ebook-Charts. Neue Stars wurden geboren (z.B. Martina Gercke mit Holunderküsschen), deren berauschende Verkaufszahlen auch die letzten konservativen Schreiberlinge und Verlage aus dem Dornröschenschlaf rissen. Im digitalen Bereich lässt sich tatsächlich gutes Geld verdienen, war die Erkenntnis des Sommers, die prompt in die Marketingstrategie großer Verlage zur Frankfurter Buchmesse einfloss.

Das Ebook wurde vom Beifang zur tragenden Säule und immer mehr etablierte Autorinnen und Autoren bewarben nun auf ihren Webseiten und Facebook Profilen die Kindle-Variante ihres Buches. Ein Angebot, das die Kunden bereitwillig annahmen und so stiegen im zweiten Halbjahr die Verkaufszahlen von Ebooks bei Amazon nicht nur insgesamt an, sondern auch im besonderen Maße bei Verlagsautoren.

Von der Übertreibung zur Untertreibung

Hieraus jedoch eine Trendwende abzuleiten und die Selbstverleger auf dem Fall in die Bedeutungslosigkeit zu sehen, wie es die Überschrift eines Beitrag vom 6. Januar 2013 auf literaturcafe.de suggeriert (→ Amazon Jahresbestseller 2012: Selfpublisher spielen kaum noch eine Rolle), halte ich für deutlich übertrieben. Ein Markt, der rasant wächst und immer professioneller wird, zieht die „Großen“ magisch an und nichts anderes spiegeln die Bestseller-Listen. Man stelle sich eine Amateur-Liga im Fußball vor, die plötzlich für Profis interessant wird. Binnen eines Jahres wären auch hier die meisten Stars bekannte Gesichter aus dem Profibereich. Das Produkt im Gesamten würde aufgewertet und hiervon profitieren häufig auch die bis dahin kaum wahrgenommenen Amateure.

Unter den Top100 der Kindle-Jahresbestseller 2012 ist fast ein Viertel aller Bücher von Selbstverlegern. Literaturcafe.de spricht von „lediglich 23 selbstverlegte Bücher“. Für mich liest sich diese Zahl jedoch nach wie vor wie eine Erfolgsmeldung. Wenn im Fußball beim Fanartikel-Verkauf, jedes vierte verkaufte Trikot das eines Amateur-Vereins wäre, wäre dies geradezu sensationell.

Bezogen auf den Beitrag von literaturcafe.de werde ich daher das Gefühl nicht los, dass einige zuletzt getane Äußerungen eine Art Korrektiv darstellen. Im Sommer adelte man Martina Gercke mit einem ausführlichen Interview und musste hierfür, als im November 2012 die Plagiats-Diskussion um die Romane „Champagnerküsschen“ und „Holunderküsschen“ einsetzte, heftige Kritik einstecken. Seit sich der Stern von Frau Gercke im Sinkflug befindet, sind die Selfpublisher in der Mehrzahl Autoren 2. Wahl und ihr Verhalten beim Rezensieren erinnert an einen „Kindergarten für schwer erziehbare Schreibtäter“.

Doppelmoral im Umgang mit den Selbstverlegern

Und während man sich auf der einen Seite über diesen „Kindergarten“ die Nase rümpft oder die Selfpublisher-Szene auch mal als „neiderfülltes Rudel Wölfe“ bezeichnet (→ Kommentar von Wolfgang Tischer auf literaturcafe.de), ist man sich auf der anderen Seite nicht zu schade, mit der eigenen Publikation auf der Erfolgswelle mitzureiten.

Nicht dass wir uns hier falsch verstehen: der Ratgeber von Wolfgang Tischer (Amazon Kindle: Eigene E-Books erstellen und verkaufen) ist toll geschrieben und für viele Einsteiger der ideale Leitfaden durch den Selfpublishing-Dschungel, doch er funktioniert eben nach dem gängigen Ratgeber-Schema: Verwirklichung des eigenen Traums in wenigen Schritten. Einfach, schnell, lukrativ, dies ist schon die Botschaft des Vorworts. Einen Hinweis a la „Doch bedenken Sie, nicht alles was sich technisch veröffentlichen lässt, sollte auch veröffentlicht werden!“ sucht man in dieser und ähnlicher Literatur vergebens.

Von jemandem, der Teile der Selbstverleger-Szene mit Recht scharf kritisiert (die Zustände sind in der Tat erschreckend), wünschte ich mir im eigenen Buch für Selbstverleger einen ebensolchen kritischen Blick auf die Branche.