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Schreiben wie Dan Brown ist (k)ein Rezept für den Bestseller

Gestern Abend sah ich auf Facebook ein Schneewittchen-Cartoon, anschließend las ich eine Pressemeldung von Bastei Lübbe zum neuen Buch „Inferno“ (VÖ am 14. Mai 2013) von Bestseller-Autor Dan Brown. Ihr wisst schon, der Mann, der uns Robert Langdon, Symbol-Forscher und Professor der Harvard University, schenkte und uns mit Romanen wie „Illuminati“, „Sakrileg“ und „Das verlorene Symbol“ lehrte, dass die Welt eine einzige Verschwörung ist, und die Schmierereien in den Schulheften von Kindern womöglich erste Anzeichen des Weltuntergangs sind. Mit ihnen stieg ich also ins Bett, Dan Brown und Schneewittchen, und ich ahnte bereits, dass dieses nächtliche Abenteuer nicht gut enden würde.

Der Traum vom Bestseller – Schreiben wie Dan Brown

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer liefert 2013 den Bestseller in diesem Land? Na du, lieber Michael, was dachtest du denn. Und da ich weiß, wie hart du als Selbstverleger für den Erfolg arbeitest, möchte ich dir unter die Arme greifen und dir den Bestseller diktieren. Also, hör gut zu, denn dieses Buch wird dich reich und berühmt machen, ganz gleich was hinter den Bergen, bei den sieben Zwergen für tolle Manuskripte geschrieben werden…

Piep, piep, piep, der Wecker klingelt und zerstört die traute Zweisamkeit. Ich springe aus dem Bett und haste ins Bad. Der Spiegel schweigt, ich werde unruhig. Kein Grund zur Panik, ermahne ich mein Spiegelbild und eile ins Arbeitszimmer. Während der Rechner hochfährt, ziehe ich die eingestaubten Dan Brown Bücher aus dem Bücherregal und baue sie vor mir auf dem Schreibtisch auf. Kann doch nicht so schwer sein, einen spannenden Thriller zu schreiben, denke ich mir und lege das Manuskript meines neusten Liebesromans zur Seite.

Drei Monate später ist der erste Entwurf fertig und eine Idee für ein tolles Cover habe ich auch schon. Schwarzer Hintergrund, darauf ein Matrix-Code. Oben steht natürlich mein Name, darunter in roten Großbuchstaben der Titel STILFRAGE. Wow, denke ich mir, da habe ich mich in Sachen Kreativität mal wieder selbst übertroffen.

Am nächsten Tag steht das Buch als Ebook bereits bei Amazon zum Verkauf und in der Kurzbeschreibung mache ich keinen Hehl daraus, was den Leser erwartet: Pflichtlektüre für Fans von „Inferno“! Nach zehn Verkäufen am ersten Tag wird aus Selbstvertrauen Größenwahn und ich ergänze: DER DEUTSCHE DAN BROWN!!!

Der Albtraum von den roten Buchtiteln & Verschwörungstheorien

Zugegeben, nicht ich hatte diesen Traum, doch vielleicht steht er symbolisch (falsches Wort? Egal, Hauptsache man klingt wie Dan Brown) für viele Schreibende. Und wenn nicht für die, dann doch wenigstens für meine Befürchtungen. Mir graut nicht vor „Inferno“, auch wenn ich den Roman höchstwahrscheinlich nicht lesen werden, sondern vor den vielen Trittbrettfahrern.

Nach der Veröffentlichung von „Inferno“ werden wieder hunderte Bücher mit dunklem Cover und roter Schrift den Markt fluten. Die Buchtitel bestehen stets aus einem Wort in Großbuchstaben, das Titelbild schwankt irgendwo zwischen Mystik und Moderne. Und alle Neuerscheinungen versprechen Spannung und Nervenkitzel. So geht das dann den ganzen Sommer und am Ende der großen Ferien werden viele Leser enttäuscht feststellen, das etliche Versprechungen nur heiße Luft waren.

Weihnachten 2013 kommt dann wie jedes Jahr Schneewittchen im Fernsehen und die Dan-Brown-Verschnitte dieser Welt werden erkennen, dass man auch in Märchen einiges über Symbolik und Spannungsaufbau lernen kann. 2014 besinnen sich die Schreibenden wieder auf ihre eigentlichen Stärken und die Leser atmen erleichtert auf. Doch insgeheim wissen alle Beteiligten, dass sie sich nun im Auge des Hurrikans befinden. Bald schon wird es wieder heißen „Der neuen Dan Brown ist da!“ und das Spiel beginnt von vorne.