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Persönliche Gedanken zur Stellungnahme von Martina Gercke

Die Video-Stellungnahme von Martina Gercke liegt nun bereits drei Tage zurück. Ich habe das Video gestern erstmals gesehen und mich in meinem Posting bewusst noch nicht explizit zum Inhalt geäußert. Meist sieht man nach einer Nacht die Dinge klarer, so auch in diesem Fall.

Vorgeschichte

Wer meine Blog Artikel regelmäßig liest, wird mitbekommen haben, dass ich mich im „Fall Martina Gercke“ bisher sehr zurückhaltend geäußert habe (Meine Postings zur Plagiats-Diskussion). Zeitweise fühle ich mich wie ein Hobbyprediger, der zur Besonnenheit und Fairness im Umgang mit der gefallenen Autorin aufruft. Mein Credo war stets: Gefühle ausklammern, Fakten sichten und vor allem die Reaktion der „Angeklagten“ abwarten. Jeder muss die Chance erhalten, sich zu solch massiven Vorwürfen zu äußern, ehe man sich ein Urteil erlaubt.

Ich habe die ersten Tage der Plagiats-Diskussion daher immer versucht im besonderen Maße durch die Augen von Martina Gercke zu sehen und mich wenig mit den vermeintlichen Fakten beschäftigt. Was ich dann sah, war eine relativ unerfahrene Autorin, deren Welt über Nacht zusammenbrach. Kein Stein blieb auf dem anderen und aus Fanpost wurden urplötzlich Beschimpfungen und persönliche Anfeindungen. Die Anonymität des Internet zeigte ihr hässliches Gesicht.

Wieso ich diese einleitende Worte vorwegschicke? Möchte ich die Autorin verteidigen, oder gar um Mitleid für sie werben? Nein! Meine Intention ist es lediglich die Sicht von ein paar Textstellen, auf die Gesamtsituation der Autorin zu weiten. Denn gelingt einem dies, kommt man nicht umhin, einige Reaktionen von Martina Gercke in einem weniger düsteren Licht zu sehen.

Ich habe Martina Gercke in der Anfangszeit der Vorwürfe im November 2012 stets zugute gehalten, dass sie sich in einer absoluten Ausnahmesituation befindet. Neben sachlicher Kritik prasselte auch Hohn und Spott auf sie nieder und damit umzugehen, ist sicher nicht leicht. Ein Mensch, der unter solchem Druck steht, neigt nicht zwangsläufig zu besonders rationalem Verhalten, vor allem nicht, wenn er mit solchen Situationen unerfahren ist. Die eine oder andere Kurzschlusshandlung ist die logische Folge und sollte nicht auf die Goldwaage gelegt werden.

Jeder macht Fehler…entscheidend ist, wie wir im Nachhinein damit umgehen

Exemplarisch möchte ich hier auf die erste Reaktion von Martina Gercke am 20. November hinweisen, als die Autorin versuchte, die Diskussion auf Amazon klein zu halten und die Vorwürfe abzumildern. Im Nachhinein wird Frau Gercke wohl wissen, dass dies nicht sonderlich geschickt war, aber hinterher ist man bekanntlich immer klüger. Menschlich war dieses Handlungsmuster hingegen absolut nachvollziehbar. Ich wage sogar zu behaupten, dass viele derer, die in den ersten Tagen die moralische Keule schwangen, in einer vergleichbaren Situation ähnlich gehandelt hätten.

Mich erinnerte diese Situation an meine Schulzeit und ich stellte mir vor, wie ein Schüler vom Lehrer an die Tafel zitiert und mit dem Vorwurf des Abschreibens konfrontiert wird. Die Wenigsten haben in einer solchen Situation die Courage, das Fehlverhalten offen einzugestehen, und bedienen sich bekannter Strategien: abstreiten und flüchten. Und irgendwie ist eben auch das Leben eine Schule.

Für mich stand daher von Beginn an fest, Martina Gercke nicht an ihrem Fluchtverhalten zu messen, sondern den Taten, die im Anschluss folgen würden. Nun ist es also soweit. Der Staub hat sich gelegt und Martina Gercke wagt sich mit einer Video-Stellungnahme aus der Deckung. Die Worte kommen vom Zettel und sind wohl durchdacht. Zum Leidwesen der schreibenden Kollegin muss ich jedoch feststellen, dass nun selbst mir die Argumente „Pro Gercke“ ausgehen.

Stellungnahme von Martina Gercke (offizielle Webseite)

Nachtrag: Video wurde am 27.12.2012 von der Homepage ohne Angabe von Gründen entfernt.

Persönliche Gedanken zur Stellungnahme

Nachfolgend skizziere ich einige Gedanken, die das Video von Martin Gercke bei mir auslöste.

  • Platzhalter: Für manch Leser mag diese „Erklärung“ schlüssig klingen, unter den schreibenden Kolleginnen und Kollegen sorgt sie jedoch nur für Kopfschütteln. Die Platzhalter-Theorie hat so viele Mängel, dass ich mich gar nicht ausführlich an ihr abarbeiten möchte. Hierzu finden sich auf meiner Facebook Seite bereits genug treffende Kommentare.
  • Rechtliche Einigung: Eine außergerichtliche Einigung ist meist keine Frage von Recht oder Unrecht, sondern eine des Geldes. Diesen Punkt am Anfang wie einen halben Freispruch zu präsentieren, frei nach dem Motto “war doch alles halb so schlimm”, hinterlässt einen faden Beigeschmack.
  • Shitstorm: Den unfairen Umgang einiger Internet-User mit der eigenen Person zu kritisieren ist richtig und findet meine volle Unterstützung. Allerdings sollte man sich nicht an falscher Stelle im Opfergewand präsentieren. Zitat aus der Stellungnahme: „Um mich und meine Familie zu schützen, hatte ich mich deshalb zunächst dazu entschlossen, meine Bücher vorübergehend aus dem Verkauf zu nehmen…“. Mit Verlaub, nicht für alles ist die böse Internet-Community verantwortlich. Meines Wissens wurde der Verkaufsstop von der Rechtsabteilung von Random House (Goldmann) herbeigeführt, zumindest verstehe ich folgende Aussage von Rainer Dresen im Interview mit Buchmarkt am 30.11.2012 so: „Wir haben beide Bücher miteinander verglichen. Als wir zahlreiche, zum Teil wörtliche Übereinstimmungen feststellen mussten, haben wir dies dem mvgverlag (Anmerkung: Verlag von Martina Gercke) mitgeteilt. Dieser hat professionell und höchst ehrenwert reagiert und das Buch umgehend aus dem Vertrieb genommen.“
  • Timing: Das Video wurde am 23.12.2012 veröffentlicht und mit einer Art Weihnachtsansprache verknüpft. Ich empfinde diese Art der Präsentation als unpassend. Der Vorwurf des Plagiats ist einer der schwerwiegendsten Vorwürfe überhaupt, die Stellungnahme hierzu die vielleicht wichtigsten Worte der Autorin. Diese Botschaft sollte nicht mit weihnachtlichen Klängen vermischt werden.
  • Transparenz: Ein Modewort, das offensichtlich in keiner Stellungnahme mehr fehlen darf. Meiner Erfahrung nach taucht dieses Wort jedoch gerade dann auf, wenn es an eben jener Transparenz mangelt. So auch in diesem Fall. Bis zum heutigen Tag findet sich auf der Homepage von Martina Gercke kein Hinweis zum eigentlichen Sachverhalt. Folglich heißt das Video auch nur „Stellungnahme“, solch hässliche Worte wie Plagiatsvorwurf werden vermieden. Wer sich über die unfaire Kritik einiger Chaoten beschwert, sollte seinen Lesern zumindest die Möglichkeit bieten, sich aus seriösen Quellen zu informieren. Es gibt genug Internetseiten, die den „Fall Gercke“ fair begleiten und in den Leserkommentaren keine Schüsse unter die Gürtellinie zulassen. Für mich gehört auf die Titelseite der Homepage seit Wochen nicht ein „wunderschönes Gedicht von Maccabros zu meinen Büchern“, sondern eine kommentierte Linkliste. Das wäre Transparenz!

Fazit: ich habe mich lange für Martina Gercke stark gemacht, weil ich glaubte, sie würde die zweite Chance nutzen und verloren gegangenes Vertrauen mit Offenheit zurückgewinnen. Nach meinem Empfinden hat sie diese Möglichkeit mit ihrer Video-Stellungnahme vertan und das Feld der Fürsprecher weiter ausgedünnt. Echt schade.