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Lesen, lesen, lesen! Schreibtipps sind keine Regeln

Ich habe heute von einer Kollegin eine wundervolle Rückmeldung zu „Eusebia“ bekommen. Nein, keine Lobhudelei, sondern vielmehr eine dieser Emails, bei denen man am liebsten sagen würde: Bitte setz dich, ich mach uns einen Tee, wir haben noch so viel zu bequatschen. Im Kern geht es mir aber nicht um die Buchkritik, sondern um das, was sie in mir auslöste: Gedanken über den ultimativen Schreibtipp (lesen, lesen, lesen), Anpassungsprozesse an den Mainstream und die eigene Stimme als Autor.

Schreiben, Lesen und die Suche nach der eigenen Stimme

Wenn man hundert Schriftstellern die Frage stellt, welchen Tipp sie angehenden Autoren geben würden, wird die Empfehlung Lesen, lesen, lesen! ganz oben in den Charts stehen. Ich kann mich dieser Aussage auch anschließen, möchte jedoch aus aktuellem Anlass mal daran erinnern, dass Schreibtipps keine Regeln sind und es manchmal Sinn macht, sie nicht zu beherzigen.

Beginnen möchte ich mit einem Zitat aus der eingangs erwähnten Email.

Am besten gefallen mir Deine Sprachbilder, überhaupt der Umgang mit Sprache in den beschreibenden Teilen Deiner Geschichte: die Metaphern passen exakt, sind frisch, unverbraucht, teilweise überraschend, aber niemals künstlich oder gestelzt, wie ich es in anderen Romanen schon gelesen habe. Du musst Dich um Deine Stimme nicht bemühen, Du hast sie schon gefunden … Also dazu: großes Kompliment!!

Hinweis: Manch einer, der mich nicht so gut kennt, wird sich nun denken, ich veröffentliche diese Textstelle nur, um mein Buch zu promoten. Diesen Menschen möchte ich sagen: jeder Link bei Facebook ist in Sachen Eigenwerbung effektiver als ein Zitat in einem langen TEXT, der Menschen zum Lesen zwingt. Dieser Marketing-Tipp war wie alles hier kostenlos 😉

„Die Metaphern passen exakt, sind frisch, unverbraucht, teilweise überraschend … Du musst Dich um Deine Stimme nicht bemühen, Du hast sie schon gefunden.“

Klingt super! Aber wieso ist dies so? Weil ich ein toller Hecht bin, ein Superautor, die literarische Entdeckung 2013? Wohl kaum, denn zur Vollständigkeit gehört auch: ich habe Jahre (viele Jahre) akribisch an dem Manuskript gearbeitet, es in Gedanken wie einen Schatz bei mir getragen und gefühlte eine Millionen Mal überarbeitet. Die Metaphern fielen nicht vom Himmel, sondern meist musste ich sie wie scheue Tiere tagelang durchs Dickicht jagen, ehe ich sie in einem Moment der vollkommenen Wachsamkeit einfangen konnte.

Aber wieso war es so schwer, die Exemplare der Spezies Metapher einzufangen? Ich habe mich das damals oft gefragt und die Antwort erst Jahre später gefunden. Der Hauptgrund war sicher, dass ich während dieser Zeit nicht gelesen und im Territorium anderer Autoren gewildert habe. Ob dies sinnvoll war, ist – wie so vieles im Leben – Ansichtsache.

Lesen und andere Autorentipps

Damit hier gar kein Zweifel aufkommt, möchte ich es gern in dieser Deutlichkeit vorwegschicken: ICH bin nicht beratungsresistent! Im Gegenteil: in den ersten Jahren meiner Schreiberei habe ich unzählige Stunden in Schreibforen (Danke an Montsegur) verbracht, mit Ratgeber-Büchern gearbeitet und viele der Tipps beherzigt, die professionelle Schriftsteller ihren jungen Kollegen mit auf den Weg geben. Und stolz kann ich behaupten, nie auch nur einen müden Euro irgendeinem dubiosen Verlag, Agent oder sonstigen Dienstleister überwiesen zu haben.

Schreiben ist wie Bergsteigen

Die gängigen Tipps rund ums Schreiben und Veröffentlichen waren enorm wichtig für meine Entwicklung als Autor. Die meisten Ratschläge habe ich befolgt, einige jedoch auch bewusst ignoriert. Unter letztgenannten ist auch der Schreibtipp schlechthin: Lesen, lesen, lesen!

Er war halt immer schon anders und wollte wieder mal seinen eigenen Weg gehen, werden jetzt erfahrene Michael-Kenner einwerfen. Gewöhnlich haben diese Menschen auch recht, doch in diesem speziellen Fall muss ich ihnen widersprechen. Die Entscheidung, das Lesen aus meinem Leben zeitweise zu verbannen, war bewusst, jedoch nur bedingt freiwillig.

Anpassung und Nachahmung beginnen im Kopf

Kinder werden in vielen Dingen wie ihre Eltern, ob sie wollen oder nicht. Bei unerfahren Autoren und ihren literarischen „Eltern“ ist dies nicht anders. Zumindest musste ich diese Erfahrung machen. Als ich mit dem Schreiben begann, war ich sehr anfällig für unbewusste Beeinflussung. Gefiel mir ein Buch, fanden sich über kurz oder lang, Eigenarten des Autors in meinem Schreibstil wieder. Ein Tick mehr Beschreibung, kürzere Dialoge, und dann nach dem nächsten Buch das Ganze wieder zurück auf Null. Meist waren diese Nuancen nur für mich erkennbar, doch sie waren da.

Eine einschneidende Erfahrung führte schließlich zu dem radikalen Verbannen der Bücher. Ich las mehrere Thriller, darunter Illuminati von Dan Brown, und direkt im Anschluss Schiffbruch mit Tiger von Yann Martel. Als ich mir später die in dieser Zeit entstandenen Kapitel durchlas, entdeckte ich einen regelrechten Bruch. Seitenlang versuchte ich krampfhaft das Tempo hochzuhalten, dann wurde es plötzlich still und die Geschichte philosophisch.

Um die eigene Sprache zu entwickeln braucht es auch Zeiten der Stille

Seither sind bei mir in Schreibphasen belletristische Bücher tabu. Ich komme kaum noch zum Lesen, was einerseits sehr schade ist, für mich jedoch nach Abwägung aller Vor- und Nachteile bis heute der beste Wege ist. Ich kann nicht sagen, ob ich meine Stimme auch ohne diese „Isolation“ gefunden hätte und ich möchte niemand zu diesem Schritt raten. Sollte jedoch nun jemand ins Grübeln kommen, ob die ein oder andere Schreibregel für sie/ihn das richtige ist, wäre viel gewonnen.

Fazit

Lesen, lesen, lesen! ist ein toller Tipp für angehende Autoren und der intensive „Konsum“ von Büchern die wohl beste Basis für das Schreiben. Aber zur Wahrheit gehört auch: weder Lesen noch ein anderer Schreibtipp ist ein Allheilmittel gegen schlechte Geschichten oder eine Anleitung zum Bestseller. Sätze wie „du solltest das so machen“ sind Empfehlungen, keine universell gültigen Regeln. Und zu viele Ratgeber verderben den Brei, oder so ähnlich. 😉