Ebook Interview

Lektor Hans Peter Roentgen: „Ein guter Lektor macht ein Manuskript besser, ein schlechter macht ein anderes Buch daraus“

 Hans Peter Roentgen Zitat

Hans Peter Roentgen ist Lektor, Schreibcoach und Autor. Sein Spezialgebiet sind Exposés und Romananfänge.

Er ist Autor der Ratgeber „Vier Seiten für ein Halleluja“, „Drei Seiten für ein Exposé“ und „Schreiben ist nichts für Feiglinge – Buchmarkt für Anfänger“.

Steckbrief

Name: Hans Peter Roentgen
Lektorat: Textkraft
Lektor seit: 2005
Veröffentlichungen: Bücher von Hans Peter Roentgen
Eigene Homepage: www.textkraft.de

Interview

ebooks-autoren.de: Wie wurdest du Lektor und was macht diesen Beruf für dich so interessant?

Hans Peter Roentgen: In Seminaren und Foren hatte sich bewährt, die ersten vier Seiten eines Manuskripts zu diskutieren und das Exposé. Aber es gab keinen Schreibratgeber und keine Kolumne, die nach der Methode arbeitete. Also habe ich erst im tempest (www.autorenforum.de) eine Kolumne gestartet und die ersten vier Seiten von Nachwuchsautoren besprochen. Weil sich soviele dafür interessiert hatten, wurde daraus später das Buch „Vier Seiten für ein Halleluja“ und daraus entwickelte sich dann meine Tätigkeit als Lektor bzw. Autorencoach.

ebooks-autoren.de: Was sind die wichtigsten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Autor und Lektor und was zeichnet ein professionelles Lektorat aus?

Hans Peter Roentgen: Natürlich muss die Chemie stimmen und es ist auch wichtig, was bearbeitet werden soll. Nicht jeder Autor hat die gleichen Probleme und nicht jeder Lektor die gleichen Stärken, darauf hat schon der Bestsellerautor Andreas Eschbach hingewiesen und der hat zahlreiche Lektoren erlebt. Mich sollte niemand für die Rechtschreibekorrektur engagieren ;-). Die alten Setzer der Vor-Computerära waren darin wahre Meister. Ich erinnere mich, dass ich mal einem ein eng beschriebenes Blatt unter die Nase gehalten habe, er warf einen Blick drauf, zeigte mit dem Finger auf eine der letzten Zeilen und sagte: „Da ist ein Druckfehler.“ Aber er fügte auch hinzu: „Fragen Sie mich nicht, was drinsteht.“

Außerdem muss man unterscheiden, was erreicht werden soll. Es gibt das Verlagslektorat, da soll ein Manuskript druckreif gemacht werden, das bereits ein bestimmtes Niveau hat. Ganz anders sieht es aus, wenn ein Nachwuchsautor einen Lektor beauftragt. Da soll ein Manuskript verbessert werden und vor allem will der Autor dabei etwas lernen. Das sind ganz andere Anforderungen. In solchen Lektoraten verbessert man Texte, erklärt dem Autor warum man welche Änderungen vorschlägt und welche Probleme der Text hat.

Das führt zu einem besseren Text, aber eher selten umgehend zu einem Verlagsvertrag, das betone ich auch immer wieder gegenüber meinen Kunden. Obwohl es natürlich langfristig zur Veröffentlichung führen kann. Nur geht das nicht von heute auf morgen.

Eins gilt für beide Varianten: Ein guter Lektor macht ein Manuskript besser, ein schlechter macht ein anderes Buch daraus.

Professionelle Lektoren zeichnet aus, dass man im Internet oder in Zeitschriften Beispiele lesen kann, wie sie arbeiten. Und dass sie nicht gleich das ganze Manuskript bearbeiten für viel Geld, sondern erst mal ein paar Seiten. So dass der Autor wie auch der Lektor sieht, ob die Zusammenarbeit etwas bringt, ob die Chemie stimmt und vor allem entscheiden können, was der Schwerpunkt der Arbeit sein soll.

ebooks-autoren.de: Worauf sollte sich der Autor bei der Wahl des „richtigen“ Lektors im Zweifel verlassen: a) Empfehlungen von anderen Autoren, b) Erfahrung und Referenzen, c) eine kostenlose Lektoratsprobe, d) sein Bauchgefühl?

Hans Peter Roentgen: Im Idealfall auf alle vier Punkte. Was die kostenlose Lektoratsprobe angeht: Kein Lektor arbeitet kostenlos, aber er hat Proben, wie er lektoriert auf seiner Homepage oder anderswo. Und er ermöglicht erst mal ein paar Seiten zu bearbeiten, damit beide Seiten sich kennenlernen.

ebooks-autoren.de: Und was sollten Autoren über dich wissen, bevor sie den „Bund fürs Buch“ mit dir schließen?

Hans Peter Roentgen: Dass ich am Anfang immer erst mal nur die ersten vier Seiten lektoriere. Damit bleiben für den Autor die Kosten im Rahmen, beide Seiten sehen, ob es etwas bringt. Danach gehen wir entweder das Exposé durch oder die nächsten 25 Seiten, je nachdem, was gewünscht wird. Ein Manuskript auf einen Schlag zu lektorieren, das mache ich nicht. Denn das Lektorat einiger Seiten zeigt oft schon typische Probleme auf und der Autor kann dann erst mal selbst wieder weiterarbeiten. Er will ja auch was lernen. Das ist der große Unterschied zum Lektorat für einen Verlag, dort wird das ganze Manuskript lektoriert. Solche Lektorate mache ich nicht.

ebooks-autoren.de: Autoren-Coaching, Korrektorat, kleines Lektorat, großes Lektorat, All-Inclusive-Paket mit Rundum-sorglos-Betreuung – die Angebots- und Preisspanne ist groß. Wie erkennt ein Autor, welcher Service für ihn angemessen ist?

Hans Peter Roentgen: Ich denke, man sollte nicht gleich am Anfang ein Riesenpaket vereinbaren. Oft erkennt man erst nach und nach, was sinnvoll ist, da sind überschaubare Schritte besser. Eins noch: Oben habe ich gesagt, dass auch Lektoren wie Autoren unterschiedlich sind. Oft schadet es nichts, da auch mal bei unterschiedlichen Lektoren in die Lehre zu gehen.

ebooks-autoren.de: Ein professionelles Lektorat hat seinen Preis und richtet sich meist nach Zeit- / Arbeitsaufwand. Dennoch gibt es in der Branche zahlreiche Anbieter, die mit Dumpingpreisen auf Kundenfang gehen und einen „fertigen“ Text für 1-2 € pro Normseite versprechen. Wie gehst du damit um?

Hans Peter Roentgen: Ehrlich gesagt, darüber habe ich mir noch nie den Kopf zerbrochen. Jeder kann im Internet oder in meinen Büchern nachlesen, wie ich arbeite und was es kostet. Und dann entscheiden, ob er das machen will. Wenn er woanders sein Werk lektorieren lässt, darf er das. Das ist ein freies Land.

ebooks-autoren.de: Verlags-Autoren, Selbstverleger, Hobbyschreiber – wer sucht deinen Rat und macht es einen Unterschied, für wen du arbeitest?

Hans Peter Roentgen: Nachwuchsautoren, das sind die, die meinen Rat suchen. Natürlich gibt es da auch Selbstverleger darunter, aber die meisten haben schon das Ziel Verlag im Auge. Wobei das kein Widerspruch sein muss. Aber in jedem einzelnen Fall überlege ich mit dem Autor, was in seinem Fall sinnvoll ist und wie man vorgehen kann. Und ich sage ihm, dass er im Lektorat etwas lernen kann, dass ich seinen Text verbessern kann, aber ich kann ihm keinen Verlagsvertrag garantieren. Der Weg dorthin ist steinig und dauert oft sehr lange.

ebooks-autoren.de: Was sind die häufigsten Fehler der Autoren und wie empfänglich sind Schreibende für Kritik und Verbesserungsvorschläge?

Hans Peter Roentgen: Wer mir Texte zusendet, will Kritik und Verbesserungsvorschläge hören. Die Fälle, wo jemand dafür nicht empfänglich war, kann ich an einer Hand abzählen und auch das nur, wenn ich mir ein paar Finger abhake.

Aber es gibt natürlich jede Menge Autoren, die jede Kritik als Majestätsbeleidigung auffassen. Nur schicken die mir keine Texte.

Was die häufigsten Fehler angeht:
Da ist einmal die Angst der Autoren vor dem Stoff. Oft gerät der Held in eine böse oder gar scheinbar auswegslose Situation. Und der Autor will ihn retten und biegt das ab. Aber gerade solche Situationen sorgen für Spannung. Wer seine Figuren nur nett und lieb sein lässt, schafft keine Spannung.
Ein weiterer weitverbreiteter Fehler ist der Infodump. Der Autor weiß viel über den Hintergrund seiner Geschichte und will das dem Leser erklären. Statt die Geschichte vorangehen zu lassen und darauf zu bauen, dass die Handlung den Leser bei der Stange hält und ihm die Geschichte erklärt.

ebooks-autoren.de: Ein Buch sagt mehr als tausend Worte. Welchen von dir lektorierten Roman möchtest du meinen Lesern empfehlen und was hat die Autorin bzw. der Autor in deinen Augen besonders gut gemacht?

Hans Peter Roentgen: Da fällt mir natürlich „Rauklands Sohn“ von Jordis Lank ein, das im März erscheinen wird. Ein Entwicklungsroman: ein Königssohn, Meister im Schwertkampf, muss eine Insel für sich gewinnen. Leider stellt er fest, dass es, um die Herzen der Menschen zu gewinnen, nicht reicht, gut mit dem Schwert umgehen zu können. Sondern dass es da einiges mehr braucht …

ebooks-autoren.de: Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute.

(Fragen von Michael Modler)

Hans Peter Roentgen über…

…Lektoren: Lektoren sind die Monteure auf der Bücherrennstrecke.

…Qualität: Gute Texte freuen jeden Lektor. Obwohl sie ihn eigentlich arbeitslos machen.

…Feedback: Das schönste Feedback, das ich je bekommen habe, stammte von einem Fünfjährigen, als ich mal wieder eine absurde Geschichte erfunden hatte: „Du erzählst Quatsch. Erzähl noch einen Quatsch.“

…Abneigungen: Bei Texten reagiere ich allergisch auf zu viele Erklärungen und Beschreibungen.

…Autoren-Tipps: Mein Tipp für Schreibende: Schreiben, schreiben, schreiben. Ist wie mit dem Schwimmen oder Fußballspielen. Je öfter man es tut, desto besser kann man´s.

Hinweis: Eine Übersicht häufig gestellter Fragen zum Lektorat und weiterführende Informationen findet Ihr auf der Themenseite Lektorat. Wer nach Portraits anderer Lektorinnen und Lektoren sucht, wird hier fündig.