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Gratis Ebooks: Kostenlos heißt am Ende auf Kosten aller Autoren

Die eigenen Ebooks tageweise kostenlos (z.B. bei Amazons KDP Select) zum Download anzubieten, ist mittlerweile eine beliebte PR-Maßnahme von Selfpublishing-Autoren, um auf eine Neuveröffentlichung aufmerksam zu machen. Auf den ersten Blick machen solche Gratis-Aktionen auch Sinn, gerade für unbekannte Schriftsteller, die mit ihren regulären Verkäufen irgendwo auf Verkaufsrang 10.000+ dahindümpeln. Doch am Ende könnten nicht nur die Aktions-Teilnehmer, sondern alle Schreibenden die Rechnung für diese „Gratis-Mania“ bezahlen.

Alles umsonst – Wenn Literatur kein Geld kostet

Als ich mich im Herbst 2012 erstmals mit dem Thema KDP Select beschäftigte, war ich von der Möglichkeit, Preise flexibel zu gestalten, Ebooks über die Kindle-Bücherei zu verleihen und neue Leser über Gratis-Aktionen zu erreichen angetan und beschrieb dies als Win-win-Situation für Autor und Leser. Für die beiden erst genannten Punkte kann ich mich auch heute noch begeistern, ganz anders sieht es mit den mittlerweile weit verbreiteten „Ebook-Geschenken“ aus.

Kürzlich schrieb mir eine befreundete Autorin eine Email, in der sie mir von ihrer Buchveröffentlichung bei KDP Select berichtete:

„Ich Hirnklops habe mein Buch doch wieder gratis angeboten und es wurde tatsächlich über 1300 Mal runtergeladen. Dann hat Amazon heute mittag oder vormittag, ich habs nicht gleich mitgekriegt, die Aktion beendet, auf Nachfrage bekam ich bisher nur ein „Sorry, wir melden uns…“, und rate mal, wie oft das Buch seither noch runter geladen wurde. Ich meine, Gratis ist geschenkt, klar. Aber ist die Welt wirklich so arm, dass man sich keine 2,99 € mehr für ein Buch leisten kann?“

Dieser KDP-Bericht passte gut ins Bild. Ich hatte kurz zuvor über die Kindle-Gratis-Tage in meinem Blog berichtet und ähnliche Erfahrungen gemacht. Es wird nur gesammelt, Hauptsache umsonst. Ob Thriller, Liebesroman oder Kochbuch ist egal, das Genre wird beim Download oft nicht einmal registriert. Einem geschenkten Gaul schaut man bekanntlich nicht ins Maul.

Der Leser bereitet sich vor auf die digitale Eiszeit

Man könnte jetzt zum großen Wurf ausholen und die Gründe für diese Sammelwut in der menschlichen Evolutionsgeschichte suchen. Vielleicht stecken die Jäger und Sammler immer noch in unseren Genen und wir können gar nicht anders, als Gratis-Ebooks auf dem E-Reader zu horten. Irgendwann könnte ja eine digitale Dürre oder Eiszeit hereinbrechen und dann wären wir froh über die angelegten Vorräte.

Die Sammelleidenschaft von kostenlosen Produkten ist nicht neu und vor allem der Musikbranche bestens bekannt. Erste Parallelen zeichnen sich bereits ab. Mit dem Überangebot von Gratisprodukten (ganz gleich ob aus legalen oder illegalen Quellen) sinkt fast zwangsläufig die Achtung gegenüber dem Urheber. Wieso soll man für etwas zahlen, das es im Internet in rauen Mengen umsonst gibt? Warum in einer schöpferischen Leistung Arbeit sehen, wenn das Produkt wie ein Hobby vertrieben wird?

Wann gibt es dein Buch umsonst?

Hat sich der Eindruck Ebook = kostenlos erstmal verfestigt, könnten bald schon die ersten Autoren Leserbriefe bekommen, in denen mal nett nachgefragt wird, wann es Roman XY denn endlich kostenlos gibt, schließlich sei der Nachfolger doch schon in Arbeit. Und wer sich dann erdreistet, den Sammlern die Tür vor der Nase zuzuschlagen, erntet womöglich eine schlechte Rezension und darf sich anhören, dass er oder sie den digitalen Buchmarkt nicht verstanden habe, schließlich sei es in der Branche üblich, Ebooks kostenlos anzubieten.

Die Literatur-Bundesliga wird diese Erwartungshaltung nicht oder nur im geringen Maße treffen. Für eine Cornelia Funke, einen Sebastian Fitzek oder eine Nora Roberts werden die Menschen immer bereit sein, ein paar Euro auszugeben. Problematischer wird es für die Regionalliga und Kreisklasse. Hier könnten viele Karrieren der Gratis-Mentalität zum Opfer fallen. Und am Ende werden sich etliche betroffene Autorinnen und Autoren selbstkritisch fragen müssen, ob sie nicht selber das Grab schaufelten, in das der „böse“ Leser sie nun hinein stößt.

Selbstachtung hat einen Preis

Als relativ unbekannter Selbstverleger findet man viele Gründe, seine eigenen Bücher kostenlos anzubieten: das Buch ist nicht professionell lektoriert, es ist relativ kurz, es ist nur ein „Experiment“, es dient als PR-Maßnahme, es zeigt meine Liebe zum Schreiben,…

Doch wer das Schreiben liebt und es ernst nimmt, der weiß, dass es bei aller Leidenschaft immer auch Arbeit ist. Arbeit, die sich oft über Monate und Jahre hinzieht, und die schon deshalb zwingend entlohnt gehört. Auch schlechte Literatur sollte einen Preis haben, es muss sie ja deshalb noch keiner kaufen.

Persönliches Fazit

Ich stand im letzten Jahr kurz davor, eines meiner Bücher im Vorweihnachtsgeschäft kostenlos anzubieten und bin im Nachhinein heilfroh, der Versuchung nicht erlegen zu sein. Selber schuld, wird jetzt manch einer denken, und mich darauf hinweisen wollen, dass die meisten Ebooks ohnehin kostenlos im Internet von sogenannten „Buchpiraten“ angeboten werden.

Diesem Einwand widerspreche ich auch gar nicht. Wahrscheinlich gibt es meine Bücher längst in irgendwelchen dubiosen Tauschbörsen, in denen das Urheberrecht bestenfalls als Fußabstreifer am Eingang dient. Das ist traurig, aber es gehört zur Realität dazu. Wenn andere mich auf diese Weise ausbeuten, kann ich dies nicht ändern. Doch muss ich mich deswegen selber versklaven?