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Die ganze Wahrheit über Amazon: ein Kunde packt aus

Amazon Kunde im Interview

Amazon Kunden haben es dieser Tage nicht leicht

Amazon steht seit Wochen massiv in der Kritik und die wildesten Storys um den so genannten „Amazon-Skandal“ machen die Runde. Organisationen fordern ein Umdenken der Verbraucher, aufgebrachte Kunden drohen mit Boykott und Politiker überlegen, wie sie den Kampf für den kleinen Mann und gegen das böse US-Unternehmen gewinnbringend in ihren Wahlkampf einbauen können. Doch wer ist dieser kleine Mann? Will dieser überhaupt weg von Amazon und seinen lieb gewonnen Kindle verschrotten? Ich bin diesen Fragen mal gewohnt kritisch nachgegangen und habe mich abseits der Fernsehkameras mit Amazon Kunde Michael M. zu einem Exklusiv-Interview getroffen.

Amazon Kunde gesteht: hier wird mir geholfen

In dem an einem geheimen Ort geführten Interview gibt Amazon & Kindle Kunde Michael M. Einblicke in sein Konsumverhalten und gesteht, dass er wohl nie die Finger von den verlockenden Angeboten des Internet-Giganten wird lassen können.

Ich: Meine Recherchen haben ergeben, dass Sie – trotz des Amazon-Skandals – erst kürzlich etwas bei Amazon bestellt haben. Haben Sie denn gar nichts dazugelernt?

Michael M.: Ich habe die ARD-Doku über die Arbeitsbedingungen von Leiharbeitern bei Amazon gesehen und war ehrlich gesagt wenig überrascht. Niedrige Löhne sind politisch gewollt, die Unterbringung von Saisonkräften immer schon weit unter Durchschnitt und das Ausgliedern von lohnintensiven Unternehmensbereichen selbst im deutschen Bundestag eine gängige Praxis.

Ich: Dann kaufen Sie also weiter bei Amazon?

Michael M.: Ab und an landet ein Produkt im Einkaufswagen. Bin ich nun ein schlechter Mensch?

Ich: Sie könnten diese Erledigungen auch vor Ort machen.

Michael M.: Dann wissen sie offensichtlich sehr wenig über mich. Von wegen Recherche. (er lacht) Ich wohne auf dem Land, habe kein Auto und brauche sehr wenig zum Leben. Manch Freunde bezeichnen mich schon mal als Konsumverweigerer, womit sie nicht ganz Unrecht haben. Gäbe es nur Menschen wie mich, dann wären neben den Geschäften in den Innenstädten auch die deutsche Autoindustrie, Tankstellen, Handyanbieter, Spirituosenhersteller und viele mehr in arger Existenznot.

Ich: Aber so eine Fußgängerzone in der Innenstadt hat doch auch etwas Liebenswertes?

Michael M.: Finden sie? Für mich hat jeder Grünstreifen auf einer Verkehrsinsel mehr Charme. Ich fühle mich unwohl im Gedränge der schwitzenden Körper, Wichtigtuer und Konsumjünger. Mich zieht es eher in die Vorstadt, in das kleine Second-Hand-Geschäft in der Nebenstraße oder einen dieser schnuckeligen Läden, die im letzten Jahrhundert steckengeblieben zu sein scheinen.

Ich: Aber wie passt der Weltkonzern Amazon in dieses verträumte Bild?

Michael M.: Online-Marktplätze wie Amazon wurde für Menschen wie mich erfunden. Ich bin Fahrradfahrer, Landei und obendrein beim Einkauf sehr vergesslich. Hätte ich ein Auto, könnte ich zwar mehr vor Ort kaufen, doch meine CO2-Bilanz wäre verheerend. Ich denke, es kommt immer auf die Mischung an.

Ich: Dann kann der Dorfladen nicht auf ihre Unterstützung zählen?

Michael M.: Regionale Produkte kaufe ich für die Küche und gerne auch deutlich teurer als beim Discounter. Doch beim Druckerpapier im Tante-Emma-Laden zum doppelten Preis hört der Spaß auf.

Ich: Ein Boykott von Amazon, wie jüngst von Tausenden Verbrauchern und sogar Günter Wallraff verkündet, kommt für sie also nicht in Betracht?

Michael M.: Derzeit sehe ich da keine Veranlassung. Amazon ist nicht besser oder schlechter als andere Global Player. Mich amüsieren die Leute, die laut auf Amazon schimpfen, aber in ihrem bei Foxconn produzierten Smartphone nichts Hinterfragenswertes sehen. Oder für 15 Euro einen Haarschnitt erwarten, sich dann aber wundern, dass das Personal nur 5€/Stunde bekommt.

Ich: An ihnen verdienen die Frisöre aber seit Jahren kein Geld.

Michael M.: Der Punkt geht an sie. (Er lacht) Ich bin seit über 10 Jahren abtrünnig, doch beinahe ebenso lang habe ich eine SOS-Kinderpatenschaft in Nepal. Mein gespartes „Haargeld“ kommt also einen guten Zweck zugute.

Ich: Zyniker würden jetzt sagen, das Geld wandert ab ins Ausland.

Michael M.: Was es bei meinen Amazon-Käufen übrigens zu großen Teilen auch tut. Ich bin mir der Luxemburg-Steuerproblematik bewusst, aber gerade hier muss die europäische Politik Lösungen finden, nicht der Verbraucher. Amazon macht vieles suboptimal und wurde von mir in der Vergangenheit wiederholt kritisiert (Datenschutz, Rezensions-Löschung, eBook-Monopol). Doch zur Wahrheit gehört eben auch, dass der US-Konzern vieles richtig macht und Kunden wie ich zufrieden feststellen: hier wird mir geholfen.

Ich: Können sie mir ein Beispiel nennen?

Michael M.: Die unkomplizierte Abwicklung von Warenrücksendungen war der erste große Pluspunkte, den Amazon vor Jahren bei mir einheimste. Es folgten Aspekte wie sichere Zahlungsabwicklung, schnelle Lieferung (auch ohne Express-Status) und das breite Sortiment, das auch ausgefallen Wünsche wie US-Importe bei Musik und Film zu erfüllen weiß.

Ich: Und wie verhält es sich bei den Büchern?

Kindle Kunde mit dem eReader Paperwhite

Zum Lesen in den Keller? Kindle Kunden tauchen ab.

Michael M.: Ein zweischneidiges Schwert. Aus Kundensicht muss ich Amazon uneingeschränkt loben. Der Service ist toll, die Auswahl an eBooks atemberaubend und das Angebot an kostenlosen Leseproben sucht im Internet seinesgleichen. So leid es mir für die Buchhandlung vor Ort, bei der die kompetente und persönliche Beratung leider immer öfter zu einem Relikt früher Tage verkommt, tut, Amazon ist auf dem besten Weg, die Buchhandlung in ihrer heutigen Form überflüssig zu machen. Das kann man jetzt gut oder schlecht finden, Fakt ist, die Entwicklung wird sich kaum zurückdrehen lassen und der regionale Buchhandel braucht neue innovative Konzepte (Cafeanbindung etc.), wenn er sich auf Dauer gegen die Internet-Konkurrenz behaupten möchte.

Als Autor und kritischer Bürger sieht die Sache etwas differenzierter aus. Amazon ist nicht nur ein Konkurrent für den Sortimentsbuchhandel, sondern könnte eines Tages mit seinem Marktplatz auch die Buchpreisbindung kippen. Schon jetzt finden sich dort immer häufiger wenige Stunden nach Erscheinen eines neuen Buchs gebrauchte Ausgaben, die deutlich günstiger sind. Und gerade im Bereich der eBooks und eReader strebt der Konzern mit seinem Kindle Format und den Kindle-Lesegeräten eine Monopolstellung an.

Ich: Dann werden sie ihre Bücher in Zukunft nicht mehr bei Amazon kaufen?

Michael M.: Für Veränderungen und Alternativen bin ich stets offen. Aktuell fahre ich zweigleisig. Im Bereich eBook besitze ich einen Kindle Paperwhite eReader und bin als Leser an Amazon gebunden, auch wenn ich die Entwicklungen rund um den neuen Tolino mit Interesse verfolge. Auch als Autor und Selbstverleger kann ich auf die Möglichkeiten von KDP Select derzeit nicht verzichten und verspüre eine Form von Abhängigkeit.

Beim guten alten Papierbuch ist mein Konsumverhalten deutlich abwechslungsreicher. Hier kaufe ich entweder spontan bei der Buchhandlung vor Ort oder greife auf einer der vielen Online-Alternativen zu Amazon zurück.

Ich: Also weder Kaufempfehlung noch Boykott-Aufruf?

Michael M.: So ist es. Wir alle sind mündige Bürger und leben in einem freien Land. Jeder muss seinen eigenen Weg finden, um sich, seiner Umwelt und den Bedürfnissen der Mitmenschen gerecht zu werden. In Zeiten, in den Clowns als Politikerersatz gewählt werden, Essen vernichtet oder getankt wird und das Dschungelcamp zum Kulturgut avanciert, bereitet mir Amazon mit Sicherheit keine schlaflosen Nächte.

Ich: Vielen Dank für das Interview und weiter eine gute Zeit in meinem Keller. 😉