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Das Lieblingswort (m)einer Lektorin: Streichen

Michael Modler Zitat Streichen

Qualität kommt nicht von Quantität

Im Artikel über die Top 10 der Autoren Fehler habe ich bereits angedeutet, dass ich mich dem Thema „Streichen“ noch mal gesondert widmen möchte. Nun ist es so weit. Eusebia hat sein inhaltliches Lektorat hinter sich und ist um Tausende Wörter geschrumpft. Doch mit meinen Kürzungs-Erfahrungen bin ich nicht allein, wie mir die vielen Gespräche mit anderen Autorinnen und Autoren zum Thema Lektorat in den letzten Monaten und Jahren gezeigt haben.

Streichen, Streichen und noch mal Streichen

Einer der wichtigsten Ratschläge für angehenden Autoren lautet: freundet euch früh mit dem Wort streichen an. Macht es von der ersten bis zur letzten Zeile eines Manuskripts zu eurem ständigen Begleiter. Besser noch: schreibt die Frage „Kann man da was streichen?“ oder „Heute schon gekürzt/gelöscht?“ auf eine Haftnotiz und klebt sie an den Bildschirm.

Zugegeben, es soll Autoren geben, die dazu neigen, zu knapp zu schreiben und die von ihren Lektoren im Nachhinein regelmäßig aufgefordert werden, das Gerüst der Geschichte mit Leben zu füllen. Es gibt sie, ebenso wie es Schriftsteller gibt, die vor ihrer Villa mit dem Cocktailglas am Privatstrand liegen und einen Bestseller nach dem anderen herunter tippen. Aber – das zeigt nicht nur meine Erfahrung – es sind dann doch eher die Ausnahmen.

In der Regel neigen Autoren zum Schwafeln. Sie machen einfache Sachverhalte gerne kompliziert und versorgen den Leser mit Informationen, die dieser nicht braucht (Infodump). Etwas provokant könnte man formulieren: je jünger und unerfahrener der Autor, desto länger sein Manuskript. Die berühmt-berüchtigte 1000-seitige Fantasy-Saga schreibt man als Autor meist nur einmal im Leben und in neun von zehn Fällen ist man Anfänger und unter 30 Jahre alt.

Das Schwafeln lernen wir schon in der Schule. Beim Schreiben von Aufsätzen vergleichen sich Schüler häufig über die Seitenzahl und Referate sollen eine vom Lehrer vorgegebene Mindestlänge haben. Qualität hat etwas mit Quantität zu tun, folgert mancher Schüler und speichert die Information in der Großhirnrinde ab. Also, für alle, die einen Schuldigen für ihre Erfolglosigkeit suchen und ihn nicht bei sich selbst finden möchten, wie wäre es mit: der Staat hats verbockt.

By the way: Manche Autoren werden das Problem des Schwafelns auch nach dem 30. Geburtstag nicht los. Sie taufen sich dann kurzerhand um in Blogger und erschleichen sich auf Umwegen die Lizenz zum Schwafeln. 😉

Adjektive, Füllwörter, Infodump

Die Liste der Streichkandidaten ist lang und die Gewichtung von Autor zu Autor unterschiedlich. Hier drei Highlights:

  • Adjektive: In der Schule galt es als schick, wenn der Junge sportlich, das Mädchen hübsch, der Lehrer streng, der Ausflug langweilig usw. war. Zu jedem Substantiv gesellte sich eine Adjektiv, ganz gleich wie nichtssagend es war. Beim Schreiben von Romanen liegt die Messlatte deutlicher höher und der Leser möchte Handlung erleben, sie spüren, Teil von ihr werden. Ein Bauwerk ist nicht gigantisch, ein Kuss nicht angenehm, ein Kind nicht ängstlich. Wichtige Szenen müssen durch präzise Beschreibung erlebbar werden, unwichtige um ihre Adjektive erleichtert werden.
  • Füllwörter: Viele Autoren sind beim Schreiben so sehr auf die Handlung fokussiert, dass sich eine Vielzahl an Füllwörtern in den Text einschleichen. Dies ist nicht weiter schlimm, so lange die blinden Passagiere später eliminiert werden. Beliebte Füllwörter sind: an sich, eben, meistens, jedoch, völlig, ziemlich, zudem etc.
  • Infodump: Je intensiver der Autor für seinen Roman recherchiert und je komplexer die Story, desto größer ist die Gefahr, dass er seinen Lesern im Buch mit „Infodump“ auf die Nerven geht. Unter Infodump versteht man Informationen, die zu diesem Zeitpunkt überflüssig sind und vom Autor eingestreut werden, um komplexe Sachverhalte (z.B. die Entstehung/Hintergründe einer Fantasy-Welt) zu erklären. Was der Geschichte nicht gelingt, holt der Autor in einem sachlich-wissenschaftlichen Monolog nach. Kurzum: er begeht eine literarische Todsünde!

Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Aber für heute habe ich genug geschwafelt – ich meine natürlich gebloggt. Mein persönlicher Favorit bei meinem Roman Eusebia waren übrigens Sinnwiederholungen. Hierzu in Kürze mehr in meiner Streich-Bilanz.

Hinweis: Mehr Infos zum Lektorat findet Ihr auf der Themenseite Lektorat.