Ebook Artikel

copy & paste Autoren: abschreiben, kopieren, lästern – Selbstverleger unter Generalverdacht

Während sich gestern die meisten Autoren in Vorweihnachtsstimmung befanden und den Adventskranz aufstellten, wurde aus den Plagiatsvorwürfen gegen Autorin Martina Gercke eine handfeste Affäre, der nun ein juristisches Nachspiel droht. Während bei den Beteiligten (Martina Gercke, mvgVerlag, Goldmann/Random House) nun die Juristen am Zug sind und sich die Stimmung abkühlt, beobachtet man im Internet ein anderes Bild. Von Unverständnis und sachlicher Kritik, über Enttäuschung und persönliche Anfeindungen, bis hin zu Mutmaßungen und Prophezeiungen ist alles vertreten. Die Skeptiker fühlen sich bestätigt und stimmen bereits den Abgesang auf die Branche der copy & paste Autoren an.

Selbstverleger = Autoren zweiter Klasse

Der Ruf der Selfpublisher war noch nie gut und er wird es wohl auch nie werden. Die Liste der Vorwürfe ist lang: schlechte Qualität, kein Lektorat, Abzocker, Abschreiber, Rezensions-Fälscher, Betrüger, usw. Die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen. Für viele etablierte Schriftsteller ist man als Indie-Autor ohne Verlagsvertrag nur ein bemitleidenswertes Geschöpf, das mit dem Hobby Schreiben den Weg in die Öffentlichkeit sucht und meist kläglich scheitert. Als ernstzunehmende Konkurrenz werden die Indies (noch) nicht gesehen.

Und wer ist schuld an diesem schlechten Ruf? Die bösen Verlage, die immer nur Absagen schicken, die arrivierten Autoren, die den Literaturbetrieb so schätzen wie er ist, das kritische Feuilleton, das lieber einen Literaturnobelpreisträger als einen Indie-Autor bespricht? Nein, nein, nein. Schuld sind – Ihr werdet es ahnen – die Selbstverleger selbst bzw. der Teil von ihnen, der die Vorurteile als self-fulfilling prophecy begreift und sich dem Klischee entsprechend verhält.

Die Piraten der Literatur

Eine Branche oder Gruppe, von der man wenig bis nichts weiß, wird häufig an den Extremen gemessen. Und da positive Ausschläge meist weniger einprägsam sind als Negativbeispiele und letztere sich auch in der Regel medial besser verwerten lassen, entsteht oft ein Zerrbild. Bestes Beispiel hierfür ist die Piraten-Partei, die jüngst ihren Parteitag in Bochum abhielt und für die Veranstaltung viel Kritik und Häme einstecken musste.

Selbst in der seriösen Berichterstattung auf ARD und ZDF durfte in nahezu keinem Bericht, das Bild eines Piraten mit Puppe und das Plädoyer für die Erforschung der Zeitmaschine fehlen. Entschuldigung, aber dieses Klamauk möchte ich in der Heute-Show sehen und nicht als erheiternde Beimischung eines Nachrichtenbeitrags, der meist nicht länger als drei Minuten dauert.

In einer Gemeinschaft ohne große Zugangsbeschränkung und Hierarchie wird es immer auch in den vorderen Reihen Chaoten und Idioten geben. Dies gilt für die Piraten-Partei ebenso, wie für Selbstverleger. Doch diese Menschen dann in den Vordergrund zu rücken und ihnen eine Plattform zu bieten, sollte nicht Ziel der medialen Berichterstattung sein. Wer aus einer 9-stündigen Diskussion jene O-Töne herauspickt, die die Piraten wie eine Gruppe degenerierter Nerds erscheinen lässt, missbraucht in meinen Augen seine meinungsbildende Position. Und das sage ich als Nicht-Piratenwähler.

Wölfe und Schafe

Und was hat das alles mit den Selfpublishern zu tun? Nun, auch diese nicht sonderlich homogene Ansammlung von Menschen sieht sich nun wieder mit den alten Vorurteilen und Verallgemeinerungen konfrontiert. Schlimmer noch, jede Kritik eines Autors an einer Kollegin oder einem Kollegen wird gleich als Hetzte, Hexenjagd oder Neiddebatte degradiert. Ja, es gibt unfaire Kritik, die weit unter die Gürtellinie geht, doch ebenso gibt es Autoren, die sachlich argumentieren und sich eben von den schwarzen Schafen distanzieren möchten.

Leider geht diese „stille“ und berechtigte Kritik oft in einem Shitstorm unter, so auch im aktuellen Fall Martina Gercke. Mich ärgern dann Aussagen wie „Die Selfpublisher-Szene ist nicht selten wie ein neiderfülltes Rudel Wölfe, und man kann sich vorstellen, dass manche Konkurrentin und mancher Konkurrent nun über die erfolgreiche Autorin herfällt.“ (Kommentar von Wolfgang Tischer zu Plagiatsvorwürfe gegen Martina Gerckes »Holunderküsschen« auf literaturcafe.de).

Erstens ist die Selfpublisher-Szene selten ein neiderfülltes Rudel Wölfe und wenn sie es ist, stehen in diesem Rudel auch immer ein paar Schafe, die besonnen und fair reagieren. Dies sollte man zumindest in einem Halbsatz erwähnen. Zweitens ist mir nicht bekannt, dass sich Autoren in erster Linie als Konkurrenten wahrnehmen. Im Zusammenhang mit „normalen“ Verlagsautoren wäre diese Begrifflichkeit undenkbar und man würde von Kolleginnen und Kollegen sprechen, die sich kritisch und besorgt zu den Vorwürfen äußern (fairerweise möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass der Kommentar, von der zitierten Textstelle einmal abgesehen, sehr lesenswert ist – wie man es von literaturcafe.de und Wolfgang Tischer gewohnt ist).

Einem Indie-Autor, der jahrelang an einem Manuskript feilt, muss es möglich sein, Kritik an der Praxis des Abschreibens zu üben, ohne gleich in das Wolfsrudel integriert zu werden. Auf meinen Blog und bei Facebook erlebe ich tagtäglich wie sich Autorinnen und Autoren dieser sogenannten Selfpublisher-Szene helfen, Tipps geben und gegenseitig unterstützen. Auch regiert nicht der Neid, sondern die ehrliche Freude über die Erfolge anderer. Vielleicht sollten man über diese Schafe im Wolfspelz mal ein Wort verlieren.